Zwischen Nähe und Funktion – Das Unbewusste als Dimension professioneller Beziehungen in Supervision und Coaching
Wer im Krankenhaus, in der Krisenhilfe, in Schulen oder in der Beratung arbeitet, weiß: Die eigene Person ist das wichtigste Arbeitsinstrument und zugleich das am stärksten beanspruchte. Empathie und Nähe sind gefordert, Distanz und Professionalität ebenso.
Konzept
Theorieimpulse und kategoriale Einführung
Ausgangspunkt dieses Workshops ist Freuds Entwicklung vom Nervenarzt zum Begründer einer Methode, die das Unbewusste als zentrale Dimension professioneller Beziehungen erschließt. Der Satz „Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus“ lenkt den Blick auf die psychodynamischen Kräfte, die nicht nur in Einzeltherapien, sondern auch in Teams und in Supervisionsprozessen wirksam sind – insbesondere dort, wo Verantwortung für das seelische Wohlergehen anderer getragen wird.
Psychoanalytisch orientierte Supervision geht davon aus, dass professionelles Handeln immer auch von unbewussten Anteilen geprägt ist – seien es Übertragungen von und auf Klient*innen, Konflikte innerhalb von Teams oder die Ambivalenzen, die mit Führungsrollen und institutionellen Aufgaben einhergehen. Ziel ist es, diese Dynamiken verständlich und bearbeitbar zu machen – nicht durch schnelle Lösungen, sondern durch das schrittweise Erkennen und Durcharbeiten.
Der Workshop führt an drei aufeinander aufbauenden Theorieimpulsen zentrale Konzepte der psychoanalytischen Theorie und Haltung ein. Über Freud hinaus greifen wir dabei behutsam auf Denkfiguren Jacques Lacans zurück, die den Blick auf die eigene Praxis verändern. Die drei Register des Realen, Symbolischen und Imaginären (RSI) beschreiben, in welchen Dimensionen sich professionelles Handeln immer zugleich bewegt – zwischen dem, was sich nicht in Worte fassen lässt, den Bildern, die wir uns von uns und anderen machen, und der symbolischen Ordnung von Rollen und Regeln. Lacans vier Diskurse (der Herr, die Universität, die Hysterikerin, die Analytikerin) dienen als Landkarte dafür, wer in einer Beziehung welche Position einnimmt – und was dadurch möglich oder unmöglich wird. Und der Begriff der Genussarbeit (jouissance) erklärt, warum Einzelne wie Teams an bestimmten Rollen, Konflikten und Wiederholungen festhalten, auch wenn diese sie erschöpfen.
Diese Konzepte werden nicht abstrakt, sondern praxisbezogen und pointiert vermittelt: Jeder Theorieimpuls mündet in die gemeinsame Arbeit an Fällen der Teilnehmenden. Begriffe wie Übertragung, Abwehr, Widerstand, Wiederholung, Funktion, Abstinenz und das Setting als Container für Unbewusstes werden so an typischen Szenen aus Supervisionssitzungen, Fallbesprechungen und institutionellen Zusammenhängen erfahrbar. Wo das Beziehungsgeschehen zwischen helfenden Berufen, Klient*innen und Institution in den Blick kommt – das sogenannte Beziehungsdreieck, wie es in der Tradition der Balint-Gruppen beschrieben wurde –, verbinden wir es mit dieser psychoanalytischen Perspektive.
Ziel ist es, den Teilnehmenden ein fundiertes psychodynamisches Verständnis für das Arbeitsfeld der Supervision und ihre jeweilige berufliche Praxis zu vermitteln, um unbewusste Dynamiken professionell zu begleiten und zu bearbeiten.
Elemente des Workshops
Soziale Traummatrix (jeweils am Morgen)
Die Soziale Traummatrix bringt das Unbewusste in den Raum – nicht individuell, sondern als kollektives Resonanzfeld der Gruppe. Sie eröffnet den zweiten und dritten Tag und schult die Wahrnehmung für latente Affekte, institutionelle Fantasien und atmosphärische Spannungen, wie sie in der Supervisionsarbeit zentral sind. In einer anschließenden Reflexion wird das Erlebte gemeinsam aufgenommen. So entsteht ein erfahrungsbasierter Zugang zu jenem Zwischenbereich, in dem sich professionelle Rollen, persönliche Anteile und organisationale Dynamiken überlagern.
Fallarbeit im Wechsel von Klein- und Großgruppe
Das Herzstück des Workshops ist die intensive Arbeit an konkreten Fällen der Teilnehmenden. Sie folgt einem bewusst gestalteten Rhythmus: In der Kleingruppe – dem geschützten Raum – werden Fälle eingebracht und in ihrer Rollen- und Beziehungsdynamik analysiert; im Plenum und in der Großgruppe werden die Ergebnisse zusammengeführt und kollektive Dynamiken sichtbar. Wo kippt Nähe in Vereinnahmung, Distanz in Rückzug, Verantwortung in Erschöpfung? Wie werden Affekte im Team zirkuliert, abgespalten und delegiert? Welche Funktion übernimmt das Individuum in der institutionellen Gesamtmatrix? Der Wechsel der Settings macht erfahrbar, wie unterschiedlich sich professionelle Subjektivität in verschiedenen sozialen Räumen zeigt.
Selbsterfahrung und Transfer in die eigene Praxis
Der Workshop legt besonderes Gewicht auf die analytische Selbsterfahrung: die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle, den eigenen Übertragungen und blinden Flecken. Integrierende Klein- und Plenumssequenzen bieten Gelegenheit, die Ergebnisse auf die eigene berufliche Praxis sowie auf laufende oder geplante Veränderungsprozesse in Organisationen zu übertragen – insbesondere dort, wo psychodynamische Spannungen und strukturelle Ambivalenzen die Gestaltungsarbeit erschweren.
Nutzen für Teilnehmende
Dieser Weiterbildungs- und Trainingsworkshop bietet Ihnen:
Verständnis der Psychodynamik im Beziehungsdreieck Verantwortungsträger*in–Klient*in/Patient*in–Organisation
intensive Arbeit an eigenen Fällen im Wechsel von Klein- und Großgruppe
Stärkung der Selbst- und Fremdwahrnehmung durch analytische Selbsterfahrung
Erwerb fundierter psychoanalytischer Kompetenzen für die eigene berufliche Praxis
psychodynamisches Verständnis spezifischer Konfliktstrukturen in Teams und Organisationen
professionelle Sicherheit im Umgang mit unbewussten Dynamiken
Weiterbildung und Wissenstransfer im Bereich der Supervision
Transkription des Theorieteils als PDF (kein Mitschreiben erforderlich)
Seminarzeiten inkl. Pausen:
1. Tag: 14:30 h – 18:00 h
2. Tag: 09:00 h – 17:00 h
3. Tag: 09:00 h – 13:00 h
Zielgruppe
Supervisor*innenCoaches
Beratende in beruflichen Arbeitskontexten
Psychoanalytiker*innen und Psychotherapeut*innen
Führungskräfte und Teamleiter*innen
Ärzte und Ärztinnen
Medizinisches Personal
Seelsorger
So., 05.12.2027 | bis 13:00 Uhr
10117 Berlin
Dozent:in(nen)
Auguststr. 80
10117 Berlin

